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Hinnerk Weiler

Koje frei bis Feuerland – segeln um die halbe Welt

Winterwetter

Dienstag, 5 April 2011 | Amerika, Bahamas, Törnblog, USA

Das Ende des guten Wetters. Von Norden ziehen langsam die Vorboten der Front auf

Nach den sonnigen und warmen Tagen im Februar und März wurde der Rückweg aus den Bahamas zum Trip in den Winter. Die Ansage meiner „Wetterberatung“ von Herb im Funknetz Southbound II war deutlich: „Segle nicht nördlich von 30 Grad vor Montag.“ Leichte Winde und nur zwei oder drei Knoten fahrt waren daher nicht störend. Dennoch, es juckte, den Parasailor hochzuziehen und die Dame etwas auf Trab zu bringen. Stattdessen lag ich unter Deck faul in der Koje, schaute alle halbe Stunde nach draußen und las. Langsam genug war ich trotzdem nicht und passierte den dreißigsten Breitengrad bereits Sonntag am späten Abend.

Die Quittung folgte auf dem Fuße: Um 23:45 stand ich einem Frontgewitter von scheinbar unendlichem Ausmaß gegenüber. Einzige Richtung zum Ausweichen wäre Süden gewesen.  Ich frage mich, warum diese Dinger einem solche Angst machen. Immer wieder habe ich Gewitter erlebt, immer ging alles gut und mit etwas Vorbereitung und Taktik dauert die Passage nicht länger als eine Stunde. Dennoch, bis ich den Mut aufbringe das unausweichliche zu akzeptieren und Kurs in die von Blitzen zuckende Masse zu nehmen, vergeht eine gefühlte Ewigkeit. Unschlüssig zwischen lähmender Angst und panischem Fluchtwillen fahre ich mal nach Osten, mal nach Westen auf der Suche nach einer Lücke. Doch Konturen oder einzelne Wolken sind in der mondlosen Nacht nicht auszumachen.

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Aufbruchstimmung

Montag, 21 März 2011 | Bahamas, Törnblog

Vor einem Jahr im Logbuch: 17. März 2010, 08:30 – An Bord der Timeout gegenüber im Hamburger Sportboothafen dröhnt ein Horn, viele Hände winken am Steg. Der ‘Blaue Peter’ weht bereits seit gestern im leichten Westwind unter meiner Saling.
Ein letzter Wintermorgen, dann kommt hoffentlich der Frühling. Reifbedeckte Stege und Temperaturen um zwei Grad begleiten Paulinchen aus der Hansestadt. Elbabwärts, zum ersten Schritt einer langen Reise. Kein Einhandstart, ich habe Besuch an Bord. Kinga begleitet mich auf dem Weg zur Nordsee. Ich bin sehnsüchtig nach dem, was dahinter wartet. Eile dorthin zu gelangen kommt trotzdem nicht auf. Zwanzig Meilen rüber nach Stade. Mehr fordere ich von diesem Tag nicht.

Die Spur kleiner Punkte auf dem GPS ist seitdem auf 6.772 Seemeilen angewachsen. Der Atlantik ist überquert, das Ferne ist heute nahe und der Ausgangspunkt der Reise ist zuweilen sehr fern geworden. Der erste Winter in der Karibik neigt sich gerade dem Ende zu. Die Aufbruchstimmung von vor einem Jahr ist etwas gedämpfter, aber die Zeichen stehen dennoch auf Weiterfahrt. Nach Norden zurück, an die US-Küste. Dort ist der Winter noch nicht vorbei. Nächtliche Höchstwerte um acht Grad erscheinen mir heute jedenfalls bitterkalt. Weiterlesen… »

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Zum ersten Mal spiele ich mit dem Gedanken, das Boot aufzugeben

Montag, 14 März 2011 | Bahamas, Technik, Ausrüstung, Praxis, Törnblog

Im Grunde bin ich ja glücklich nach dieser Nacht. Immer wieder habe ich davon geschrieben, dass man sich nicht auf einen “knappen” Wetterbericht verlassen sollte.

Hier sitze ich nun an Deck, zwei Uhr nachts, hundemüde. Dreißig Meter hinter mir donnert rund ein Meter See gegen schroffe Vulkanfelsen. Vor mir steigt der Bug mit jeder Welle auf, knirscht die straffkommende Ankerleine beim Einrucken in die Klampe. Keine Frage, der kurze Kettenvorläufer kommt jedes Mal komplett steif. Das sollte nicht sein, das war nicht geplant, das war so nicht vorhergesagt. – Aber Meckern nützt nichts, es ist so.
Der erste Anker hat sich bereits vor einer halben Stunde aus dem Grund verabschiedet. Das mehr oder minder rhythmische Knirschen seiner Leine auf der Klampe blieb auf einmal aus, fast zeitgleich setzte der Ankeralarm ein. Das war abzusehen, eigentlich sogar geplant. Immerhin ist der Klappanker normalerweise für das Dingi gedacht und an nur zwanzig Metern Leine ohne Kette geschäkelt. Er sollte das Boot eigentlich nur fixieren, während ich am Nachmittag die großen Anker auf den kommenden Starkwind vorbereitet hatte. Ihn drinnen zu lassen ist Faulheit, die sich diesmal auszahlt: “Der kommt nachher eh raus, dann kannst Du ihn ohne Mühe einholen und als Reitgewicht auf den anderen schäkeln”.
Jetzt kommt alles auf Anker Nummer zwei an. Der ist ganz im Gegensatz zum ersten für mein Boot eher zu groß. Er hat allerdings nur zehn Meter recht leichte Kette als Vorlauf. – Und er ist im rechten Winkel zur momentanen Windrichtung eingefahren. Nicht gerade ideal, wenn die Kette immer wieder ruckend steif kommt.
Mein Ankerplatz in dieser Nacht ist mal wieder die kleine Bucht im Süden von Rose Island. Der Insel, hinter der ich gut ein Drittel der vergangenen fünf Monate Bahamas verbracht habe. Ein traumhafter Ort, um vor den sogenannten Nordern und manchmal auch vor der Zivilisation in Deckung zu gehen. Weiterlesen… »

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Antipoden

Montag, 7 März 2011 | Amerika, Bahamas, Karibik, Törnblog, Zwischennotizen

Antipoden sind zwei Punkte auf der Erde, die sich direkt gegenüberlegen. Sie sind die mathematische Antwort auf die Frage eines jeden Kindes: Wo komme ich raus, wenn ich jetzt eine Schaufel nehme und nach unten grabe? Oder: Wenn jemand so auf der Erde steht, dass meine Fußsolen genau auf seine treffen, wo steht diese Person dann? Für Deutschland ist das einfach und leider recht unspektakulär zu beantworten: Niemand steht im Südpazifik irgendwo südöstlich von Neuseeland. Das Gegenüber meines Startpunktes im Hafen am Hamburger Baumwall liegt bei 53° 33,2 Minuten Süd und 170° 0,5 Minuten West. Weiter weg von der Elbmetropole kann man auf der Erde nicht sein.

Der Flieger landet eine Stunde nach Sonnuntergang in Nassau. Fünfunddreißig Minuten, die aus dem sonnigen Florida in die nächtliche Inselwelt der Bahamas führen. Eine Welt, die gegensätzlicher zu dem Leben der vergangenen Wochen nicht sein kann. Niemand kümmert sich darum, dass der Flieger schon beim Start fast zwei Stunden Verspätung hatte. Kein Meckern und Mosern. Man ist vielleicht etwas müde, aber der “Bahamian Pace” bestimmt eben schon am Gate wieder den Alltag.

Segeln scheint der Beamten am Flughafen eine gute Begründung für eine Aufenthaltsgenehmigung von weiteren 90 Tagen. Stichprobenhaft stellt der Zollbeamte Fragen und interessiert sich auffällig für die Taschen einer Gruppe College-Mädchen, die in knappem Spring-Break Outfit unterwegs sind. Es wird gelacht, gescherzt, ein wenig geflirtet und letztlich trotzdem, oder gerade deswegen, gründlich gefilzt. Ein bisschen enttäuscht wirkt er, als eine Tasche nach der anderen ohne Beanstandung wieder geschlossen wird. Ich bin weniger sein Typ. “Was ist in den Taschen?” – “Segelkleidung und Fotoausrüstung” – “O.K.”
Ob seine ausführlicheren Kontrollen beim anderen Geschlecht professionellen Hintergrund haben, bleibt offen. Der Erfolg allerdings gibt ihm scheinbar recht: Am Sonntag macht er oder einer seiner Kollegen Schlagzeilen: Zwei junge Amerikanerinnen mit 1,5 Kilo Kokain im Gepäck am Flughafen verhaftet.

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Junkanoo I

Donnerstag, 16 Dezember 2010 | Amerika, Bahamas, Filme, Karibik, Törnblog, Zwischennotizen

In Nassau sind derzeit die Abende vor allem eines: Laut. Nicht, dass es sonst hier ruhig zugehen würde. Aber in das übliche Gewirr aus Autos, Sirenen und lauter Beschallung aus etlichen Bars gesellen sich die Proben für das Junkanoo. Die große Parade, die am zweiten Weihnachtstag und am Neujahrsabend die ganze Stadt einige tausend Meilen nach Süden versetzen wird. Dann wird Nassau zu Rio, mit pompösen Kostümen und einer Party, die durch alle Straßen zieht.

Einen Vorgeschmack bekommt man, wenn man sich von den nächtlichen Rhythmen aus dem Bett locken lässt. Abseits der Touristenunterhaltung landet man auf einem staubigen Platz im Westen der Stadt, einige grob zusammengezimmerte Bierbuden, Laute Beschallung während der Pausen. Aber die Stimmung ist schon jetzt kaum zu übertreffen.

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