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Vor kurzem fragte mich Lina Nagel von der segeln-Redaktion nach meinem „Geheimtipp“ in Sachen Charterurlaub auf der Ostsee. So recht konnte ich mich allerdings nicht entscheiden, was ich da als Tipp geben sollte. Bis mir heute ein Zwischenstopp auf meinen beiden größeren Ostsee-Törns 2005 und 2009 wieder einfiel. Die Schwedische Insel Utlångö liegt am nördlichen Ausgang des Kalmarsund. Ohne GPS ist die Einfahrt zu dem hervorragend geschützten Naturhafen allerdings kaum zu finden. Es gibt reihenweise Durchfahrten, die nur wenige Zentimeter tief sind. Man muss daher einen kleinen Umweg durch die Schären nehmen. Zu finden ist das Inselchen bei etwa 57° 26 Min Nord und 16° 40 Min Ost.
Und wo ich schon beim Rückblich auf den Sommer 2009 bin, dachte ich mir, ich kram noch mal einige Videos vom Törn hervor: Weiterlesen… »
Etwas WD40, einem Lötkolben und einem Pinsel sei Dank! Meine Videokamera ist wieder am Leben und der Naviplatz an Bord hat sich über die Weihnachtstage in einen Schnittplatz verwandelt. Also, statt Weihnachten am Strand erst einmal “Willkommen auf einer kleinen Zeitreise”. Es geht zurück in den Juni 2010: Paulinchen liegt in Horta auf den Azoren, bereit zum Sprung über den Atlantik.
Für eine weitere Nacht kehrten wir in den Hafen von Ponta Delgada zurück
Die Erklärung für den missglückten Start in Ponta Delgada findet sich schnell und ließt sich wie ein Lehrstück: Lassen sich im Hafen Wetterfaxe durch die vielen Störungen nur schwer empfangen, lohnt der Blick auf eine Karte aus dem Internet. Hätten wir das gemacht, hätten ich die „grizzel“ hinter der Front auf dem Fax nicht als Störung gedeutet, sondern als Linie mit dem Kommentar „Trog“ verstanden und wäre gleich im Hafen geblieben. Doch nichts Schlechtes ohne etwas Gutes: Am Morgen läuft Guss in den Hafen von Ponta Delgada ein. Holzboot, Holzrigg, viele bunte Aufkleber und eine breites Banner. „We sail the North Atlantic“ steht darauf und es scheint für größere Boote gemacht als die 18 Fuß, die unter seinem Gaffelrigg schwimmen. Um an der Jester Challange teilzunehmen hat er etwas geschummelt, gibt er zu: Von Ende Windsteuerung bis Anfang Bugspriet sind es 20 Fuß, das Mindestmaß für die Teilnahme.
Der Engländer startete am 25. Mai in Plymouth – Kurs Newfolk an Nordostküste der USA. „Beating against 40 Knots for days was to hard and I had to realize, that I won’t be able do do it“, gestand er sich irgendwann ein und drehte auf die Azoreninsel ab. Wir hatten nach zwei Stunden die Nase voll, er hat mit 18 Fuß tagelang für diese Entscheidung gebraucht… Jetzt will er sein Boot für den Rückweg nach England leichter machen – Wir nehmen ihm noch 24 Flaschen Wasser und zwei Kanister Spiritus ab, dann geht es wieder auf See.
Delphine beim Abschied von Ponta Delgada
Der Törn in den Abend liegt irgendwo zwischen nervend und schön. Nervend ist, dass das Boot in der Fast-Flaute mit rund 1,5 Knoten dem Sonnenuntergang durch die Restdünung von Gestern dümpelt. Schön ist es, wieder unterwegs zu sein. An uns ziehen Portugiesische Galeeren vorbei und eine Schule Delphine verabschiedet uns in den langsam auffrischenden Wind, dann bricht die Nacht herein. Schnelles Segeln, Ungerefft, Schrick in den Schoten, zwischen 6,3 und 7,1 Knoten. – Ein perfekter Anlieger.
Mittlerweile habe ich fast 5.000 Seemeilen auf Paulinchen im Kielwasser. Aber zum ersten Mal komme ich in den Genuss einer „Freiwache“. Vier Stunden schlafen am Stück – kein schlechtes Gewissen und ein ungewohnt ruhiger Schlaf. Vielleicht ist Einhandsegeln doch nicht so entspannend wie ich immer dachte.
Der einzige Wegpunkt für die Überfahrt liegt etwas nördlich der Insel Pico und markiert auf dem GPS das ziel für die Nacht. Was folgt ist ein Tag im Canal de Sao Jorge. Sein Namensgeber ist die lang gezogene Insel im Norden. Südlich liegt der Gipfel des Pico auf der gleichnamigen Insel. Immer wieder kommt mir ein „Nicht so dicht ans Ufer“ in den Sinn. Der Blick auf die Karte beruhigt: Eine Meile Abstand kommen mir vor wie hundert Meter. – Die Steilküsten an beiden Ufern sind zweihundert Meter hoch, und der die Berge dahinter zwischen ein und über zweitausend. Angst vor Untiefen? Wassertiefe 1153 Meter…
Dimensionen - Eine Meile abstand erscheinen wie hundert Meter
Der zweite Sonnenuntergang auf See findet etwa 15 Meilen vor Horta statt. Die Inseln fallen ins Braun, dann ins Grau und verraten ihre Konturen nur durch die Lichter der verstreuten Siedlungen. Wind gibt es längst nicht mehr, nur noch alte Dünung und lautes Rattern unterm Niedergang. – Fünf Knoten Fahrt bei 2200 Umdrehungen. Keine Lust das GPS zu programmieren. Stattdessen finden Karten und Taschenlampe ihren Platz im Cockpit, während Torsten unter Deck schläft. Leuchtfeuer auszählen, um Mitternacht ist das Molenfeuer gut zu erkennen. „Yacht entering Horta Marina, this is Horta Marina calling“, werden wir über das Funkgerät begrüßt.
Der Hafen ist voll. Überall wehen Flaggen der ARC-Europe, die hier vor kurzem angekommen ist. Innerlich sehe ich mich schon das Ankergeschirr auf dem Vorschiff klarieren. Doch Länge und Tiefgang haben ihren Vorteil: Statt ins dichte Ankerfeld zu müssen, sollen wir als Außenlieger an das Dreierpäckchen vor dem Hafenbüro. – Aufklaren, eine Dose kalte Cola als Anlegeschluck und dann in die Koje.
Für die Statistiker: 154 Meilen (davon ca. 40 mit Motor) in 31 Stunden… macht einen miesen Schnitt von nur 4,9 Knoten.
Beim Segeln bedeutet „fest“ ruhig Schlafen und Erholung im Hafen. Andererseits ist „ab“ nicht zwangsläufig mit harter Arbeit gleichzusetzen. Denn Leben auf See hat durchaus seine schönen Seiten: Sanftes Wiegen auf den Wellen und häufig auch schnelles Vorankommen. Beides ist nicht unbedingt bei sieben bis acht Windstärken zu erwarten, wenn es gegenan geht. Das Lehrstück dieses Tages lautet daher: Wehen auf der Leeseite einer Insel nur vier Windstärken, sind es auf der anderen deutlich mehr. Viel hat es da nicht genützt, dass wir erst nachmittags ausliefen, um einen Frontdurchgang abzuwarten. Wie viel Wind hinter dem nächsten Kap noch lauerte, erahnt man vielleicht bei den Bildern im Video. Der Film entstand auf dem Rückweg. Bin doch ganz froh, keinen Windmesser im Topp zu haben. Dass die Entscheidung umzukehren richtug war, bestätigt Kilian, der an Bord der Dreamcatcher aus Horta kommend am selben Abend einlief. 35 Knoten, in Böen wohl deutlich darüber. Wenn man draußen davon erwischt wird, hilft ein Umweg. Ablaufen oder Beidrehen. Für hoch am Wind jedoch ist das zu viel. Für das Weiterkommen wird es zwar langsam höchste Zeit, doch der Zeitvorteil durch materialkillendes Gegenanbolzen schwindet angesichts der Dimensionen des Atlantiks. Der Respekt vor Wasser und Wind allerdings ist noch einmal ein Stück gewachsen.
Ärgerlich nur, dass nach der Rückkehr wieder die Prozedur mit dem Zoll fällig wurde…
Bunte Vielfalt auf dem Wasser. Das Marina-Portfolio hat sich um Schweizer, Finnen, Dänen und Iren erweitert. Ihnen allen gemein ist, dass sie aus der Richtung kommen in der wir unterwegs sind. Die Welle der Karibikrückreisenden schwappt langsam auf die Azoren. Es sind lediglich Vorboten, bis in wenigen Tagen die ersten Yachten der ARC Europe in Horta ankommen und sich anschließend über die Inseln verteilen. Bis dahin bleibt es gemütlich. Auch, wenn die meisten Durchreisenden in Ponta Delgada nur wenige Tage bleiben ist das übliche „Woher, Wohin, wie war es“ der Aufmacher für einen Plausch am Steg.
Paulinchen sticht unter ihnen hervor: Der kürzeste Mast im Hafen und das einzige Boot, von dem man nicht herunterschauen braucht, wenn man mit jemandem auf dem Steg spricht. Das Durchschnitts Fahrtenboot ist angekommen, wo viele Werftchefs es auf der Ostsee sehen wollen: Bei 40 Fuß Yachten mit Zwei-Personen-Crews. Ab einer Bootslänge von 45 Fuß etwa scheinen die Inseln weniger zur Erholung, als zum Crewwechsel in den vercharterten Kojen angesteuert zu werden. Weiterlesen… »
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