Populärgut – Ein gutes Foto “Teil Eins”

Es ist bisschen meditativ, wenn ich abends mit stoischem Gleichmut und sanften Bewegungen über mein iPad wische. Draußen fällt seit zwei Tagen Schnee und einzig ein knisternder Kamin würde die Stimmung noch gemütlicher machen. Das Einschlafritual seit einigen Tagen heißt 500px und findet in der App des gleichnamigen Bilderdienstes statt.

Bild für Bild wische ich mich durch die Timeline und klicke auf erhobene Daumen, wenn ich ein Foto gut finde, oder verteile kleine Herzen bei besonders herausragenden Bildern.

Was ist ein Gutes Foto?
Was ist ein Gutes Foto?

“Gibt es da keine neuen Fotos?”, fragt meine Freundin neben mir.

Irritiert sehe ich sie an und füge einen weiteren Daumen zu einer verschneiten Winterlandschaft hinzu: “Doch, das sind andere Bilder als gestern.”

“Dann sehen die aber alle gleich aus.”

“Naja, einwenig ähneln sich viele der Bilder tatsächlich”, gebe ich zu und will einen Gegenbeweis antreten. Es mag ja sein, dass meine hausgemachte Filterbubble, die vor allem Bilder von Fotografen zeigt, deren Aufnahmen ich bereits mag, meinen Geschmack zur Norm dieser Timeline machte. Die Liste populärer Fotos, denke ich, sollte eine größere Bandbreite haben.

Auch einige meiner Bilder schafften es, in diesen Zirkel aufgenommen zu werden. Zuletzt “Escaping the Storm“. Ein düsteres Foto, dessen künstliche Bewegungsunschärfe ein Fischerboot in Panama noch etwas schneller vor einem aufziehenden Gewitter fliehen lässt. Wenn diese nachbearbeitete Aufnahme populär wurde, dann bedeutet das, dass viele Menschen fanden, sie sei ein gutes Foto. – Dann habe ich damit offenbar ein gutes Foto “gemacht”.

Zur Dokumentation kaum noch geeignete Nachbearbeitung. Trotzdem ein gutes Foto?
Zur Dokumentation kaum noch geeignete Nachbearbeitung. Trotzdem ein gutes Foto?

Kachel für Kachel zeichnet sich auf dem Bildschirm ab, was demnach heute Abend den Status quo guter Fotografie bildet. – Überraschend ist die Ähnlichkeit mit meiner eigenen Timeline.

Technische Perfektion ist ein Muss. Gut ist ein Bild offenbar nach ausführlicher technisch makelloser Bearbeitung.

Da spricht auch nichts dagegen. Bildbearbeitung gab es schon, als ich in der Dunkelkammer mit Stoppuhr und Gänsefeder, Abzug für Abzug Flächen auf dem Fotopapier abwedelte. Auch Bewegungsunschärfe nachträglich einzufügen stellte damals kein Hexenwerk dar. Nur hatte damals eben nicht jeder eine Dunkelkammer, erst recht keine für Farbfotos. – Nachbearbeitung ist aber schon immer ein Teil guter Fotografie gewesen und die Botschaft eines Bildes mit diesen Mitteln zu unterstreichen ist also kein Makel.

Mit den heutigen Möglichkeiten für jedermann ist aber der Anspruch an den Umgang mit der Nachbearbeitung gewachsen: Saubere Verläufe, exaktes Freistellen, randloses betonen von Kontrastlinien und selektive Korrekturen einzelner Haare stehen als Messlatte für Güte eines Bildes auf dem Weg zum allgemeinen Gefallen bereit.

Schnell trennen sich dabei die Pfade der Bearbeitung in Korrektur und in grundlegende Bildveränderung. Beides schmälert nicht zwangsläufig die Güte eines Fotos. Eine ganz andere Situation im fertigen Bild zu zeigen, als ursprünglich aufgenommen wurde, widerspricht zwar in manchen Fällen der bildjournalistischen Ethik, die mir im Blut liegt, doch muss man trennen zwischen Abbild und Bildnis.